Unser Gewaltverständnis
Im Folgenden möchten wir euch erläutern was wir unter Gewalt
verstehen und welchen Umgang wir uns mit Gewalt wünschen. Dazu findet
ihr erstens den Text "Unser Gewaltverständnis", zweitens kompakt
Zusammengefasst die "12 Grundlagen unserer Antigewalt- und
Antidiskriminierungsarbeit" und drittens "Was ist
Mehrfachdiskriminierung?" - ein Text zum Thema Mehrfachdiskriminierung
und Antidiskriminierungsarbeit.
Wir wünschen uns, mit diesen Texten Anregungen zu geben, um
verschiedene Formen von Gewalt und Diskriminierung zusammen zu denken,
und um neue Ideen im Umgang mit Gewalt und Diskriminierung zu
entwickeln.
Wir sind selber in einem stetigen Prozess dazu zulernen und neue Strategien zu entwickeln. Wir freuen uns dabei sehr über eure
Anregungen und Feedback.
Unser Gewaltverständnis
Unsere Erfahrungen in der
Antidiskriminierungsarbeit und der psychosozialen Beratung haben
gezeigt, dass viele unserer lesbischen/bisexuellen Nutzer_innen
Anfeindungen, Angriffen und Belästigungen aufgrund ihrer Lebensweise,
ihres Frau-Seins und/oder Trans*-Seins ausgesetzt sind. Unsere
Klient_innen suchen zudem Beratungen auf, weil sie Rassismus erfahren,
weil sie Gewalt und Diskriminierungen aufgrund einer
Behinderung/Beeinträchtigung, ihres Alters und/oder weil sie kein/wenig
Geld haben, erleben. Oftmals treten diese vielfältigen
Diskriminierungen und Gewalterlebnisse in Kombinationen auf.
Ein_e
lesbische_r, bisexuelle_r Frau/Trans*Mensch ist nicht nur lesbisch oder
bisexuell, sondern hat auch immer eine Herkunft, eine Hautfarbe, einen
Körper mit einer bestimmten Befähigung oder Beeinträchtigung, eine
(oder mehrere) Genderidentität(en) und befindet sich somit in Bezug auf
Diskriminierungs- und Gewalterfahrungen immer an verschiedenen
Schnittstellen. In diesem Zusammenhang sprechen wir von
Mehrfachzugehörigkeit und Mehrfachdiskriminierung.
Gewalt
beginnt nicht erst bei einer körperlichen Verletzung. Eine geringe
Wertschätzung, die Abwertung der eigenen Lebensweise oder verbale
Anfeindungen sind alles Formen von Gewalt. Auch Diskriminierungen sind
eine Form von Gewalt, da sie Personen verletzen, einschränken,
verunsichern, meist psychische Narben hinterlassen und gesundheitliche
sowie finanzielle Folgen haben.
Lesbische/bisexuelle Frauen
und Trans*Menschen erfahren im alltäglichen Leben zwischenmenschliche
Gewalt und Diskriminierung: auf der Straße, am Arbeitsplatz, oder ihrer
Herkunftsfamilie. Lesbische/bisexuelle Frauen und Trans*Menschen üben
auch Gewalt und Diskriminierung aus. Somit erleben Personen auch in
LesbischenSchwulenBisexuellenTrans*Inter- (LSBTI)-Zusammenhängen, in
Freund-schaften und in Beziehungen Gewalt und Diskriminierung, z. B. in
Form von häuslicher Gewalt, rassistischer Behandlung oder
Transfeindlichkeit.
Ebenso erfahren lesbische/bisexuelle
Frauen und Trans*Menschen auch durch staatliche Personen und Gesetze
Gewalt und Diskriminierung. In diesem Sinne sprechen wir von
staatlicher und struktureller Gewalt. So erleben Personen z. B. Gewalt
durch Polizei-beamt_innen, sei es wenn ohne Anlass die Personalien
kontrolliert werden, die Polizei bei Einsätzen massive körperliche
Gewalt anwendet oder selektiv Personen, die eine dunkle Hautfarbe haben
und/oder Trans* sind, als Kriminelle verdächtigen und behandeln.
Gewalt
kann auch durch Regelungen, Vorschriften oder Gesetze verursacht
werden. So kann das Transsexuellengesetz als Gewalt gegen
Trans*Personen betrachtet werden, da es Personen, die medizinische und
rechtliche Möglichkeiten der Geschlechts-angleichung wahrnehmen
möchten, als krank bezeichnet und zur psychologischen Begutachtung zwingt.
Auch
Alltagspraxen haben Struktur. Der zum Teil gängige Ausschluss von
lesbischen, bisexuellen Frauen und Trans*Menschen mit
Beeinträchtigungen/Behinderungen aus Treffpunkten, Veranstaltungen und
inhaltlichen Diskussionen, ist keine zusammen-hangslose Einzelhandlung,
sondern eine Diskriminierung, die auf struktureller Macht
basiert.
Wir arbeiten daher mit einem erweiterten
Gewaltbegriff, mit dem wir neben physischer und psychischer Gewalt auch
strukturelle Gewalt und Diskriminierungen meinen. Wir betrachten jede
Form von Rassismus, Sexismus, Ableism (Diskriminierung aufgrund von
Behinderung/Beeinträchtigung), Homophobie und Transphobie als Gewalt,
weil sie verletzen und die Chancen der betroffenen Personen,
gleichberechtigt und selbstbestimmt zu leben, strukturell
vermindern.
Also was tun?
Eine der gängigen
Antworten auf Gewalt gegen LBT*, auch seitens einiger lesbisch –
schwuler Zusammenhänge, sind die Konzentration auf ausschließlich
zwischenmenschliche Gewaltausübungen, die Schaffung eines Bildes von
potentiellen Tätern und die Entwicklung von schärferen Strafen gegen
sie. Wir sind jedoch davon überzeugt, dass zwischenmenschliche,
strukturelle und staatliche Gewalt gemeinsam angegangen werden müssen.
Wir streben einen Umgang mit zwischenmenschlicher Gewalt an, welcher
auch institutionelle, strukturelle und staatliche Formen von Gewalt
langfristig verändern kann. So hinterfragen wir zum Beispiel, ob
es Sinn macht, schärfere Gesetze und Strafen in Bezug auf Hassgewalt
gegen lesbische, bisexuelle und Trans*Menschen zu fordern. Führen
solche Regelungen wirklich zu weniger Gewalt an LBT*Menschen und bietet
das eine angemessene Form zur Verarbeitung ihrer Erlebnisse? Braucht es
höhere Strafen um die Gewalt als gewaltvoll anzuerkennen? Wir
bezweifeln dies. Vielmehr befürchten wir aufgrund unserer Erfahrungen
in der Antidiskriminierungs- und Antigewaltarbeit, dass mit einem Fokus
auf strafrechtliche Wege im Umgang mit Gewalt gegen LBT*,
beispielsweise durch ein Konzept von Hasskriminalität und der Schaffung
potentieller Täter_innengruppen staatliche Gewaltformen und
gesellschaftliche Machtverhältnisse, wie etwa Rassismus, aufrecht
erhalten werden.
Wir glauben, dass Personen, die Gewalt
erfahren haben, letztendlich selbst am besten wissen können, was sie
brauchen. Sie sollen selbst aus den unterschiedlichen Wegen des Umgangs
den für sich passenden wählen können. Unsere Aufgabe sehen wir darin,
die Personen auf Wunsch in ihren Umgangsweisen zu unterstützen und sie
darin zu begleiten, einen selbstbestimmten Weg einzuschlagen. Wir
denken auch, dass Personen, die Gewalt erleben/erlebt haben, eine
Verantwortung haben mit dem Erlebten umzugehen. Ebenso glauben wir,
dass alle Personen individuell und gemeinschaftlich eine Verantwortung
übernehmen müssen, Personen, die Gewalt erfahren (haben), zu
unterstützen.
Wir verurteilen jegliches Ausüben von Gewalt und
erwarten, dass Personen Verantwortung für ihr gewalttätiges Verhalten
übernehmen. Dabei wollen wir Menschen jedoch nicht langfristig in Bezug
auf dieses Verhalten stigmatisieren, indem wir sie als Täter_innen oder
Kriminelle wahrnehmen. Vielmehr denken wir, dass es für Personen, die
Gewalt ausüben/ausgeübt haben, möglich ist, langfristig Verantwortung
für ihr gewalttätiges Verhalten zu übernehmen. Wir denken, dass ihnen
dies gesellschaftlich ermöglicht werden sollte. Viel zu oft wird Gewalt
von nahestehenden oder beistehenden Personen geduldet. Daher wünschen
wir uns, dass alle Personen individuell und gemeinschaftlich nicht
wegschauen und Menschen darin unterstützen, ihr gewalttätiges Verhalten
zu beenden und Verantwortung dafür zu übernehmen.
Wir wünschen
uns einen Umgang mit Gewalt, bei dem die Bedürfnisse der Person, die
Gewalt erlebt (hat) im Mittelpunkt stehen und bei dem gleichzeitig
kollektive Strukturen und gesellschaftliche Bedingungen, die Gewalt
aufrechterhalten und fördern, grundlegend verändert und transformiert
werden.
Lesen Sie auch die 12 Grundlagen unserer Antigewalt- und Antidiskriminierungsarbeit.
* Trans* steht für alle die, die nicht in dem Geschlecht leben
können oder wollen, welchem sie bei ihrer Geburt zugeordnet wurden.
Hierzu zählen Transsexuelle, Transgender, Drags, Transidente,
Cross-Dresser und viele mehr.