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Mehrfachzugehörigkeit

Lesbische/bisexuelle Frauen und trans*Menschen leben nicht nur lesbisch, bi und/oder Trans*, sondern haben immer auch eine kulturelle und soziale Herkunft, eine Hautfarbe, einen Körper mit bestimmten Befähigungen oder Beeinträchtigungen, ein Alter, einen sozialen Status, eine oder mehrere Genderidentität(en). Unterschiedliche Zugehörigkeiten zu verschiedenen gesellschaftlichen, sozialen, religiösen und kulturellen Gruppen bedingen unterschiedliche Ressourcen und Diskriminierungserfahrungen. Anhand dieser Zugehörigkeiten verteilen sich gesellschaftliche Chancen sowie der Zugang zu Ressourcen wie Gesundheit, Bildung, Arbeit und Wohnraum.

Der Begriff „Mehrfachdiskriminierung“ beschreibt Ausschlüsse aus mehr als einem Grund, wenn z.B. einer lesbischen Frau mit Behinderung die Entscheidung über ihre Gebärmöglichkeiten abgenommen wird, um eine mögliche Schwangerschaft zu verhindern. Dies geschieht nicht nur, weil sie eine Frau ist, da nicht alle Frauen eine solche Diskriminierung erleben. Es passiert aber auch nicht nur, weil sie eine Behinderung hat, da nicht alle Menschen mit Behinderung - cis-Männer1 beispielsweise nicht - mit dieser Problematik konfrontiert sind. Gleichzeitig wird ihre lesbische Lebensweise ausgeblendet. Sie wird also aufgrund der Kombination dreier Faktoren diskriminiert: Weil sie eine Behinderung hat und eine Frau ist, die lesbisch lebt.

1 Cisgeschlechtliche Menschen (cis-Männer oder cis-Frauen) fühlen sich in dem Geschlecht wohl, das ihnen bei Geburt zugewiesen wurde.



Die EU-Rechtsvorschriften können zurzeit beim Zugang zur medizinischen Versorgung lediglich vor Diskriminierung aus Gründen des Geschlechts und der ethnischen Herkunft schützen. Es wird darüber hinaus über eine sogenannte „horizontale Richtlinie“ verhandelt, die auch Schutz vor Ungleichbehandlung aus anderen Gründen bietet (Religion oder Weltanschauung, Behinderung, Alter und sexuelle Orientierung). Wenn es darum geht, gleichen Zugang zur Gesundheitsversorgung zu gewähren, spielen gerade die Mitarbeiter_innen der Gesundheitsberufe eine entscheidende Rolle. Oft haben sie die Entscheidung darüber, wer eine medizinische Behandlung erhält und welche Behandlungsformen angeboten werden können. Auf der anderen Seite ist gesellschaftliche Anerkennung eine entscheidende Grundlage für die psychische Gesundheit und psychosoziale Integrität. Das Ausblenden von Unterschiedlichkeit hat zur Folge, dass Menschen nicht die gleichen Möglichkeiten haben, gesund zu leben, gesund zu werden und ihre Gesundheit aufrecht zu erhalten.

Umso problematischer ist, dass insgesamt 16,5% der Befragten der LesMigraS-Studie zu Mehrfachdiskriminierung mindestens einmal die Erfahrung gemacht haben, dass in einer Therapie die lesbische/bisexuelle Lebensweise als Problem bezeichnet wurde. Die Erfahrung machen zu müssen, dass die eigene Sexualität pathologisiert und zum Teil der Diagnose und damit zur Krankheit wird, stellt einen nicht zu unterschätzenden Angriff auf ein wertschätzendes sexuelles Selbstbild dar. Genauso kann das bewusste Ausblenden der lesbischen Lebensweise durch Angehörige des Gesundheitsbereichs dazu führen, dass sich Menschen nicht mehr wohl damit fühlen, wichtige Angebote zur Erhaltung und Wiederherstellung ihrer Gesundheit wahrzunehmen. Die Exotisierung und Pathologisierung von Lebensweisen und Körpern, die nicht den heteronormativen Vorstellungen entsprechen, führt dazu, dass Sexualität und geschlechtliche Identität entprivatisiert werden. So berichten über ein Fünftel der Befragten, mindestens einmal mit peinlichen Fragen konfrontiert worden zu sein. Besonders häufig sind lesbische/bisexuelle Frauen und Trans*Menschen of Color bzw. mit Migrationsgeschichte davon betroffen. Während 13,3% der Befragten die Erfahrung gemacht haben, mindestens einmal vom medizinischen Personal aufgrund ihrer lesbischen/bisexuellen Lebensweise nicht die notwendigen Informationen erhalten zu haben, sind es in der Gruppe lesbischer/bisexueller Frauen und Trans* of Color rund 20%. In beiden Fällen zeigt sich, dass Mehrfachzugehörigkeit eine große Rolle spielt, wenn es um die Inanspruchnahme von Dienstleistungen aus dem Gesundheitsbereich geht. Auffällig ist mit fast zwei Dritteln die hohe Anzahl der Befragten, die insgesamt therapeutische Hilfe in Anspruch genommen hat. Dieser hohe Anteil spricht für die großen psychischen Belastungen, denen lesbische/bisexuelle Frauen und Trans* in unserer Gesellschaft nach wie vor ausgesetzt sind. Besonders problematisch wird es also, wenn es im therapeutischen Bereich zu homophober Diffamierung kommt und ein wichtiges Hilfsmittel zur Wiederherstellung des seelischen Wohlbefindens für lesbische/bisxexuelle Frauen und Trans* zur weiteren Belastungsprobe wird. Nimmt man weitere gesellschaftliche Ausschlussmechanismen wie Rassismus oder Klassismus hinzu, wird deutlich, wie schwierig es für von Mehrfachdiskriminierung Betroffene sein kann, angemessene Unterstützung durch das Gesundheitssystem zu erhalten. Vor allem für Menschen mit Behinderung kann dies bedeuten, dass notwendige Unterstützungsleistungen (wie Fahrdienste, Assistenz, etc.) nicht mehr in Anspruch genommen werden können, da es immer wieder zur Hilfsvermeidung/-unterlassung von Mitarbeiter_innen von Pflegeberufen aus homophoben oder rassistischen Gründen kommt. Auch in Fällen, in denen die Assistenz zwar gewährleistet wird, aber die rassistischen oder homophoben Entgleisungen zu einer Hilfsvermeidung durch die Anspruchnehmenden kommt, ist die Unterstützung stark gestört und die Lebensqualität der Betroffenen stark eingeschränkt.

Ein wichtiger Schritt zur Verbesserung der Lage von LBT*I*Q im Gesundheitssystem ist die Ermittlung von Hindernissen und Diskriminierungserfahrungen, die den Zugang zu Gesundheitsdiensten behindern. Darauf aufbauend setzen wir uns dafür ein, Wege zu entwickeln, wie Mitarbeiter_innen der Gesundheitsberufe den von Bedürfnissen LBT*I*Q besser entsprechen können. Zudem bedeutet das für uns, eine fortlaufende Diskussion und Fortbildungen über diese Themen in unserer eigenen Einrichtung.

Quelle: http://www.lesbenberatung-berlin.de